© copyright 2007-2018 Klettern- Sarcatal Links    Über uns    Impressum   Privacy   Kontakt Via delle Mamme (Weg der Mütter) Eine Erzählung von Giuliano Stenghel Es ist ein herrlicher Tag, sonnig und sommerlich heiß. Glücklicherweise ist vom See her ein Wind aufgekommen und bringt uns, zusammen mit einem guten Duft, für den Augenblick etwas Erfrischung, nachdem noch kurz vorher die Schwüle sehr drückend war. Nichtsdestotrotz blicke ich mit Ruhe einer sehr schwierigen Kletterpassage entgegen: in der Mitte der Verschneidung klettere ich gerade in einen Spalt. Eigentlich bevorzuge ich ich die anstrengende Kletterei auf Gegendruck, tatsächlich bin ich aber mit dem ganzen Körper eingeklemmt und sehe keine andere Aufstiegsmöglichkeit als jene in das Innere des Spaltes zu kriechen, die Plagerei ist es, die alles immer enger macht. Jetzt bin ich so eingeklemmt im Fels, dass mir der Atem ausgeht: die Lungen sind zwischen den beiden Wänden wie in einem Schraubstock eingezwängt. Und ich habe das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Ich drücke, um aus dieser komplizierten und üblen Situation herauszukommen und schwitze sieben Hemden durch um wenige Zentimeter des unberührten Felsens zu überwinden. Gedanken schießen durch meinen Kopf: „Wie komme ich alleine aus diesem Punkt, wo ich mich selbst blockiert habe, wieder heraus?“ Ich bin überzeugt, wenn der Kopf durchkommt, müsste auch der Rest des Körpers durchkommen, aber ich muss mich entscheiden und zwar schnell. Ich versuche mich mit dem Körper nach außen in die Horizontale zu ziehen. „In welche enge Gasse habe ich mich begaben? Wenn ich nicht durch diesen Engpass komme, wird es ein ernstes Problem, wieder zurückzukommen.“ Ich versuche tief und regelmäßig zu atmen. Schließlich stoße ich die Luft aus den Lungen und drücke mit aller Kraft des Körpers. Es ist wahr, dass das Glück den Wagemutigen hilft, aber andererseits ist es auch wahr, dass es nur mit Glück oder durch ein Wunder gelingt, zuerst mit dem Kopf und dann mit dem Rest des Körpers aus diesem unterirdischen Gang und der unerklärlichen Passage rauszukommen. Schließlich kann ich die Lungen mit Luft füllen. Im Licht erreiche ich die Rettung und ein großer Sinn für Freiheit entsteht. Am Standplatz atme ich tief und erleichtert auf und nachdem ich mich an einigen Haken gesichert habe, entscheide ich mich, meinen Kameraden nachzuholen. Von dort, von meiner übersichtlichen Position, betrache ich die äußeren Felsen des Kamins und denke an den vollendeten Fehler, mich inden Kamin hineingezwängt zu haben. „Zug...Zug...“, die Stimme von Alessandro bringt mich in die Realität zurück. Während ich das Seil einziehe, denke ich an diese graue, kompakte und überhängende Felswand, nicht mehr als 10m hoch, eine atemberaubende Wand, die unvergleichlich ist. Und doch, von vielen Bergsteigern, sicherlich nicht von jenen, die schon Hand angelegt haben, wird sie ald eine kleinere Wand betrachtet, geradezu als eine einfache Vorbereitung und als Training für andere bedeutendere Klettertouren. „Was für ein Klettergarten“, sage ich mir, während ich nachdenke über die bemerkenswerte Ausgesetztheit einiger Passagen, über die Art des Felsens, der sicher nicht so gegliedert ist wie jener der Dolomiten oder in anderen Gebieten. Eine Route in dieser Wand zu eröffnen  oder zu wiederholen, erfordert viel Erfahrung, eine optimale psychische und physische Vorbereitung und den Mut von Löwen. Mit Renzo Vettori, bin ich in der Via del Vecio über mehr als 40 m im 6. Schwierigkeitsgrad in Gegendrucktechnik ohne eine Sicherung geklettert. Es war nicht möglich, stehenzubleiben und einen Haken anzubringen. In sarkastischem Ton frage ich meinen Kameraden: “Kommt es Dir wie eine Tour im Klettergarten vor?“, der mich am Stand erreicht hat, ausgelaugt von Erschöpfung und Anspannung. Er antwortet mir mit einem Fluch. Dan fügt er hinzu: „Ich habe mich noch nie so angestrengt!“ Während wir kalten Tee schlürfen, kommt mir ein spontaner Gedanke mit lauter Stimme: „Für mich zählt die Ästhetik, es interessiert mich nicht, wenn meine Tour an einer mehr oder weniger berührten Wand ist, ob sie lang oder kurz, an gutem oder schlechtem Fels ist, oder... Was zählt ist, dass ich die Fähigkeit habe, meiner Leidenschaft zu folgen und sie zu bewahren.